Beziehung statt Erziehung

Melanie von Herzenswege



Familienleben mit Herz und Verstand

 

Hören wir das Wort „Erziehung“, denken wir oft an gutes Benehmen, Folgsamkeit, dem Wunsch nicht negativ mit seinen Kindern aufzufallen und sich auf keinen Fall von einem Kind auf der Nase herum tanzen zu lassen. Die größten Sorgen vieler Eltern gelten oft der Außenwirkung ihrer Kinder und der Familie. Aber was passiert in den kleinen Menschen, wenn wir Verlangen statt zu Bitten, Befehlen statt zu Fragen, Bestimmen statt zu Besprechen, Schimpfen statt zuzuhören?

 

Dazu mag jeder seine eigene Ansicht haben, wir distanzieren uns von einer Gehorsamserziehung und möchten nicht, dass unsere Kinder folgen statt zu hinterfragen und selbst zu entscheiden, was sie tun und was nicht, was richtig ist und was falsch. Ein selbstbestimmtes Kind, das klingt toll, nach Freiheit und Selbständigkeit. Unseren Kindern Entscheidungen zu überlassen weckt allerdings auch große Ängste. Was passiert, wenn wie sie nicht mehr „unter Kontrolle“ haben? Tanzen sie uns auf der Nase herum? Werden wir zu ihren Bediensteten? Müssen wir dann immer machen, was unsere Kinder wollen?

In diesem Beitrag möchte ich einige der grundlegenden Ideen von Jesper Juul vorstellen, die er in seinen Büchern für Familien vermitteln möchte. Claras und meine Familie leben grundsätzlich nach diesen Grundwerten und sind sehr froh, dass wir mit unseren Familien diesen Weg beschreiten. Die 4 Grundwerte, deren Einhaltung Juul (und nicht nur er) in Familien für essentiell hält sind folgende:

 

Gleichwürdigkeit

Was bedeutet Gleichwürdigkeit? Es handelt sich um eine Wortkreation von Jesper Juul und er meint damit, dass jeder Mensch, egal welchen Alters, den gleichen Wert hat. Wir wahren die persönliche Würde jedes Familienmitglieds und ebenso die aller Personen, denen wir begegnen. Das ist die Leitlinie von Jesper Juuls Familienratgebern.

Kinder sind vor ihren Eltern nicht Gleichberechtigt oder Ebenbürtig, weil Eltern mehr Lebenserfahrung haben, das Geld verdienen und für alle wichtigen, weitreichenden Entscheidungen die alleinige Verantwortung tragen. Kinder verfügen nicht über die gleichen Ressourcen wie wir. Aber jedes Kind ist ein gleichwürdiges Familienmitglied, das nach seinen Kompetenzen und Fähigkeiten in das Familienleben einbezogen wird und Entscheidungen treffen kann.

 

Integrität

 

Die physischen und psychischen Grenzen jedes Familienmitglieds werden gewahrt. Es gibt keine Erniedrigung, Strafen oder Verletzungen. Jüngere Mitglieder werden durch die älteren geschützt. Die Eltern vermitteln den Kindern   im Zusammenleben, wie man seine Grenzen wahrnimmt, kommuniziert und schützt. Das gemeinsame Leben kann nicht konfliktfrei ablaufen aber es ist entscheidend, dass die entstehenden Konflikte unter Wahrung der Würde gelöst werden.

 

Authentizität

 

Kinder brauchen keine Eltern, die eine Rolle spielen, nicht die immer-liebe Mutti oder der strenge Vater. Niemand durchschaut ein solches Theater schneller als Kinder. Sind wir authentisch und zeigen uns, unser wahres „ich“, dann lernen Kinder am meisten von uns. Eltern zeigen, was sie gut finden und was nicht und einen schlechten Tag erwischt jeder einmal. Es ist besser dem Kind zu erklären, dass man heute keine lauten Geräusche erträgt, weil man Kopfschmerzen hat anstatt mit zusammengebissenen Zähnen ein Trommelkonzert zu ertragen. Niemand ist perfekt und muss es auch nicht sein, das ist eine gute Botschaft für alle Kinder.

 

Verantwortung

 

Die Eltern tragen allein die Verantwortung für den Umgang in der Familie und die Qualität der Beziehung zu ihren Kindern. Wie alle Menschen möchten Kinder ernst genommen werden, wertschätzend behandelt werden und über sich selbst bestimmen. Ebenso sollen sie so früh wie möglich über das bestimmen dürfen was im Rahmen ihrer Kompetenzen liegt. Aber alles, was in der Familie passiert geschieht unter dem schützenden Schirm der elterlichen Verantwortung, die sie unbedingt ernst nehmen müssen. Und hier ist für mich der Knackpunkt der „Auf der Nase herum tanzen“-Diskussion. Eltern dürfen sich in Gedanken niemals einer Opferrolle hingeben. Sie verantworten alles, was geschieht. Kleine Kinder sind nicht selbst daran schuld, dass sie Müde sind und wir die Opfer ihrer Unleidlichkeit, die wir dann bestrafen müssen. Hat ein Kind nicht genug geschlafen, hätte es eventuell unsere Hilfe beim Einschlafen benötigt oder eine Co-Regulation um zur Ruhe zu kommen. Wir hätten vor dem Schlafen über ihre Probleme sprechen sollen oder was auch immer nötig gewesen wäre, um ihnen eine erholsame Nacht zu ermöglichen. Kinder tragen dafür niemals die Verantwortung.

 

Kinder wurden in den letzten Jahrzehnten in der Erziehungsliteratur häufig wie Objekte betrachtet, die zum funktionieren bewegt werden müssen. Ihre Gefühle und Würde wurden unwichtig und unsere Verantwortung als Eltern haben wir an Gewohnheiten (Das war schon immer so und hat mir auch nicht geschadet) abgegeben.

Wie finden wir nun einen gemeinsamen Weg mit unseren Kindern, wenn wir wahrscheinlich in Familien aufgewachsen sind, in denen die oben genannten 4 Grundwerte für Familien nicht immer respektiert wurden?

Zur Verdeutlichung habe ich in Gedanken gern das Bild eines Gastes, der bei uns zu Besuch ist. Gästen bringen wir in unserer Kultur den größten Respekt entgegen, deshalb kann dieses Bild uns viel theoretische Denkarbeit sparen, wie wir die theoretischen Grundsätze umsetzen. Wie einen Gast haben wir unsere Kinder zu uns eingeladen, sie werden eine Weile bei uns bleiben und dann ihre einen Wege gehen. Stellen wir uns noch vor, dass unser Gast vielleicht aus einem anderen Teil der Welt kommt und mit unseren Gepflogenheiten nicht vertraut ist. So verhält es sich auch mit unseren Kindern. Wenn sie auf die Welt kommen, kennen sie keine der sozialen Regeln, nach denen unsere Gesellschaft funktioniert. Es ist unsere Aufgabe, ihnen diese näher zu bringen, damit sie in der Welt zurecht kommen, wenn sie uns eines Tages verlassen. Am besten lernen wir in einer geschützten Umgebung, in der wir willkommen sind und Fehler machen dürfen, in der uns niemand verurteilt oder lächerlich macht. Wir würden einem Gast Essen und Trinken anbieten, ihm einen Schlafplatz und Kleidung geben. Wir würden ihm zur Seite stehen, wenn er nicht zurechtkommt. Wir würden ihm helfen aber ihm auch seinen Stolz lassen, wenn er etwas selbst versuchen möchte. Vom ersten Tag an können wir unseren kleinen Gästen zutrauen selbst zu entscheiden, wann sie hungrig und durstig sind, wann sie satt oder müde sind. Unserem lieben Gast vom anderen Ende der Welt würden wir nicht sagen, dass er noch einen Stunde wach bleiben muss, damit er uns morgen früh nicht zu früh weckt oder ihn in sein Zimmer schicken, damit er endlich schläft, wenn wir unsere Ruhe haben möchten. Wir würden keine strengen Essenszeiten vom ersten Tag an vorgeben, damit er merkt, wer der Herr im Haus ist. Wenn er uns um Essen oder Trinken bittet, würde wir es ihm geben. Schüttet unser Gast beim Frühstück aus Versehen seinen Saft um, dann würden wir nicht schimpfen und ihm sagen, dass er Pech gehabt hat und auch morgen keinen Saft zum Frühstück bekommen wird. Wir würden ihm einen neuen Saft holen und ihn bitten, beim Aufwischen zu helfen, falls das im Rahmen seiner Möglichkeiten liegt. Sich dieses Bild vor Augen zu führen hilft mir in anstrengenden Situationen den Überblick zu bewahren und nicht in meine eigenen Erziehungsmuster zu verfallen. Man kann sich in jeder brenzligen Situation selbst die Frage stellen „Würde ein erwachsender Mensch vor mir stehen, wie würde ich reagieren?“. 

 

In Beziehung zu leben und auf Erziehung zu verzichten ist kein leichter Weg. Wir brauchen Interesse für das, was in den Kinderköpfen vorgeht, müssen versuchen sie zu verstehen und ihr Verhalten annehmen, akzeptieren, wertschätzen. Ein „hab dich doch nicht so“ ist leichter und schneller gesagt als zu überlegen welch einen anstrengenden Tag unser Kind hinter sich hat, dass die Situation gerade unübersichtlich ist, dass das Kind überfordert ist, unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung benötigt, dass wir mehr tun müssen als zu meckern. Wir müssen uns mit Bedürfnissen und Gefühlen auseinander setzten, mit denen unsere Kinder und unseren eigenen. Entscheiden, was wirklich wichtig ist, uns Zeit nehmen füreinander. Wir brauchen Stärke um uns gegen die hektische, bestimmende und verrückte Welt zu stellen. Wir müssen wieder lernen, die Welt mit Kinderaugen zu sehen um eine stabile Beziehung zu ihnen aufzubauen. Jedes Verhalten unsere Kinder ist auf seine Weise sinnvoll. Sie möchten uns damit etwas sagen, uns aufmerksam machen oder Hilfe bekommen, wir müssen nur hinschauen, hinhören, einfach „da“ sein. Wir haben es oft erlebt, dass ihre Not umso größer ist, je aufbrausender, widerspenstiger und unkooperativer unsere Kinder sich verhalten. Es ist keine Provokation, es ist die beste Möglichkeit Ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Je größer das Drama desto engagierter sollten wir den „Hilferuf“ suchen, der dahinter steht.

 

Wir haben die kleinen Menschen zu uns eingeladen, wir wünschen uns, dass sie sich wohl und sicher fühlen, dass sie gern bei uns sind und unsere Gesellschaft schätzen. Wenn wir uns ihnen gegenüber respektvoll, einfühlsam und authentisch verhalten, werden sie ihren Selbstwert und den Wert ihrer Taten kennen lernen. Sie werden selbstbewusst entscheiden können, welchen Weg sie gehen und in welchem Tempo. Wir wissen nicht, wann sie gehen, wir wissen nicht, wohin sie gehen. Aber das ist auch nicht wichtig, denn solange sie mit erhobenem Haupt, sicheren Schrittes und einem erwartungsvollen Lächeln im Gesicht auf ihrem selbst gewählten Weg gehen, haben wir ihnen das Beste gegeben, was wir konnten. Einen guten Partner, mit dem sie die Regeln einer Gruppe und die Regeln der Welt üben konnten, bevor sie gehen. Denn sie werden gehen. Und wenn sie ihr erstes Heim in warmer, herzlicher Erinnerung behalten, dann kommen sie auch wieder zu Besuch.


Wer ist der Mensch hinter der Geschichte?

Wie kam die Idee für deinen Blog?

Die Idee zu unserem Blog kam von Clara. Sie hatte bereits ihren Blog in dem sie regelmäßig Bücher vorstellt als wir die Ausbildung zum Artgerecht Coach gemacht haben. Sie sagte zu mir „Meli, wir haben so viel zu sagen und ich möchte den Mamas und Papas so viel von unseren Erfahrungen mitgeben. Wir müssen der Welt, die vorgibt, wie Babys zu sein haben etwas entgegen setzen und den Eltern sagen, dass sie auf ihr Gefühl hören dürfen und ihre Kinder verwöhnen dürfen“. Ein Leben mit Baby ist nicht rosa Watte mit Zuckerguss, wie es uns so oft vorgegeben wird. Babys haben Bedürfnisse und sie brauchen jemanden, der sich darum kümmert. Wenn wir  ihnen entgegen kommen und uns um ihre Bedürfnisse kümmern anstatt sie zu übergehen, sie nicht in Zeitpläne pressen und versuchen sie nach irgendeiner Norm auszurichten, können wir uns viel Stress ersparen. Vieles aus dem Umfeld von Artgerecht und Attachment Parenting klingt aufwändig aber ein zufriedenes Baby kostet uns viel weniger Nerven als eines, das ständig um die Erfüllung seiner Bedürfnisse kämpft. Deshalb bloggen wir für einen liebevollen, artgerechten und bedürfnisorientierten Umgang mit Kindern und Erwachsenen.

Wie fühlst du dich, wenn dein Beitrag fertig ist und du auf veröffentlichen klickst?

Manche Artikel brennen mir unter den Nägeln und betreffen mich in dem Moment auf eine besondere Art, dann flutschen sie einfach so in den Computer und ich bin froh und möchte den Artikel ganz bald veröffentlichen. Dann freue ich mich, was die Leser dazu sagen werden. Andere Themen nehmen wir uns bewusst vor um darüber zu schreiben und es ist uns wichtig ein Thema zu recherchieren und nachvollziehbar zu erklären. Dann steckt da sehr viel Arbeit darin und ich hoffe, dass wir Menschen damit erreichen und sie bestärken oder zum Nachdenken bewegen können. Je mehr Herzblut und Arbeit in einem Artikel steckt, desto eher mache ich mir dann Sorgen, dass er nicht so gut ankommen könnte.


Vielen Dank an Melanie von Herzenswege für diesen wunderbaren Beitrag.