Geburt

Joy von bounty2003



Meine Begleitung im Kreißsaal

 

Ich ging von Anfang an recht locker durch die Schwangerschaft. Ich gehörte nicht zu den Schwangeren, die zu Kursen gingen, Termine zur Geburtsplanung machten oder Checklisten für die Kliniktasche anlegten. Ich war entspannt und ließ alles auf mich zu kommen. So machte ich mir auch nie wirklich Gedanken darüber, wer mich an meinem großen Tag im Kreißsaal begleiten sollte. Linas Vater, ich nenne ihn ab hier mal M., sollte natürlich an meiner Seite sein. Aber ansonsten kam mir nicht in den Sinn einen solch intimen Moment mit jemand anderem zu teilen.

 

Meist kommt alles anders

 

M. ist als Soldat außerhalb von Berlin stationiert. Daher hatte ich eine Freundin als “Notfallkontakt”, welche mich ins Krankenhaus begleiten sollte, falls er nicht in Berlin sein sollte. Nach vier Wochen Urlaub, war er gerade wieder seit vier Tagen in der Kaserne, als es dann endlich soweit war. Meine Schwester war bereits seit den Morgenstunden bei mir. Wir statteten am Morgen meinem Frauenarzt einen Besuch ab, da ich in der Früh leichte Schmierblutungen hatte. Der Schleimpfropf hatte sich gelöst und der Muttermund war bereits 1cm geöffnet. Dass es aber am Nachmittag wirklich schon los geht, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Das wurde mir erst so richtig bewusst, als mir am Nachmittag spontan die Fruchtblase platzte. Auf dem nagelneuen Sofa… 

Ich gab M. Bescheid, dass er sich auf den Weg machen sollte. Je nach Verkehrslage hatte er einen Weg von etwa 2-3 Stunden mit dem Auto vor sich. Ich rief meine Freundin an und informierte unseren Hundesitter. Zusammen mit meiner Schwester und meiner Freundin fuhr ich also ins Krankenhaus. Ich weiß noch, dass ich die beiden während der Fahrt darum bat bei mir zu bleiben, solange M. noch nicht da ist.

 

Ankunft im Krankenhaus

 

Im Krankenhaus angekommen, ging alles recht zügig voran. Da das Fruchtwasser bereits grün war, kam ich sofort an den Wehentropf. Meine zuständige Hebamme war ausgerechnet die Dame, bei der ich das Gespräch zur Anmeldung hatte. Wir waren uns schon damals nicht sonderlich sympathisch. Sie legte Wert auf alternative Schmerzmittel und mein erster Satz bei der Anmeldung war: “Vermerken sie bitte gleich ganz groß, dass ich eine PDA möchte”. Und da standen wir nun. Meine beiden Begleiterinnen und meine vor Wehen keuchende Wenigkeit. Uns gegenüber die Hebamme, die mich fragte, wer von den beiden denn meine Begleitung sei. Ich erklärte ihr kurz die Situation mit dem Kindsvater und, dass ich gerne beide dabei hätte. Die Hebamme erklärte mir sofort, dass das nicht ginge. Erstens fand sie es nicht gut, dass meine Schwester, als Frau, die selbst noch nicht entbunden hat, das mit ansieht. Es könnte ja abschreckend wirken. Wow. Was für eine beruhigende Aussage… Und zweitens würden ihr “so viele” Personen bei ihrer Arbeit nur im Weg sein. Nach kurzer Diskussion hatte ich meinen Willen durchgesetzt. Wir versprachen ihr aber, dass beide sie nicht bei ihrer Arbeit stören würden und dass meine Freundin den Kreißsaal verlässt, sobald M. eintrifft. Als wir in den “Saal” kamen, in dem ich entbinden sollte, war mir auch klar, wie sie darauf kam, dass man ihr im Weg stehen könnte. Ein kleiner Raum. Ca. 15m². Ich kenne Räume in dieser Größe aus meiner Arbeit als Krankenschwester eher als Abstellkammer. Ein relativ schmales Bett, Infusionsständer, CTG auf der einen Seite und eine lange Arbeitsfläche mit Schränken und Wickeltisch auf der anderen Seite. Im Raum, standen dann noch ein Hocker, ein Stuhl und ein Abwurf für Müll und Wäsche. Wie sich rausstellte war in den Kreißsälen gerade Hochbetrieb. Die Großen waren belegt und somit mussten wir auf den kleinen “Saal” ausweichen. Aber gut. Ich wollte ja auch nicht dort einziehen.

 

Die Geburt

 

Die Geburt schritt recht zügig voran. Bedingt durch den Wehentropf und einer falsch gelegten PDA hatte ich mit wirklich starken Schmerzen zu kämpfen. Ich bin nicht der Typ, der gerne die Hand gehalten bekommt oder gestreichelt wird. Aber es war schön zwei vertraute Personen, um sich zu haben, die bemüht waren, alles zu tun, um dein Wohlbefinden etwas zu steigern. Bedingt durch mehrere parallel stattfindende Geburten, sah ich die Hebamme recht selten. Sie hatte viel zu tun. Verständlich. Kein Thema. Ich kenne die Personalsituation in Krankenhäusern nur zu gut. Aber das witzige an der Sache ist, dass die Hebamme meiner Schwester, welche auch in der Pflege tätig ist, sämtliche Aufgaben wie Blutdruckkontrollen, Temperaturkontrollen übertrug. Ja genau! Dieselbe Hebamme, die Angst hatte von meinen Begleitpersonen in ihrer Tätigkeit gestört zu werden. Mich störte es nicht weiter. Mir war vor lauter Wehen eigentlich sowieso alles relativ egal. Hauptsache meine Schwester reichte mir auf Ansage rechtzeitig meine Lachgas-Maske, wenn wieder eine Wehe kam. Die Beiden waren mir wirklich eine große Stütze.

Als gegen 18:30 Uhr M. eintraf, verließ Janine den Kreißsaal. Im Nachhinein betrachtet wäre ich lieber bei der ursprünglichen Konstellation geblieben. M. ist emotional gesehen ein recht komplizierter Mensch und war mir nicht wirklich eine Hilfe. Er war anwesend, aber mehr auch nicht. Als kurze Info: Ich lebe von M. getrennt seitdem Lina 9 Monate alt ist.

 

Ein Glück war meine Schwester noch anwesend! Umso später es wurde und umso weiter die Geburt voran schritt, umso schlechter ging es mir. Mir fehlte die Kraft, die Schmerzen fühlten sich an, als würden sie mich zerreißen. M. saß da, wirkte gelangweilt, erwähnte mehrmals, dass er ziemlich großen Hunger habe. Genau das, was ich in dem Moment brauchte. Meine Schwester hingegen, wich mir nicht von der Seite, brachte mir Getränke und kühle Lappen für mein Gesicht. Sie hatte zeitweise ganz schön mit sich zu kämpfen. Sie sah, wie schlecht es mir ging, war überfordert, weil sie mir ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr wirklich helfen konnte. Zwischendurch kamen ihr auch die Tränen und sie verließ den Kreißsaal um mal kurz durchatmen zu können seitens der Hebammen fühlte ich mich recht schlecht betreut. Eher alleingelassen.

 

Als Lina am 03.09.2015 um 23:50 das Licht der Welt erblickte ging nicht nur für mich, sondern auch für meine Begleiter ein emotionaler und sehr anstrengender Tag zu Ende. Auch wenn durch die kleine Maus im ersten Moment alles schnell vergessen schien, brauchten wir alle danach eine gewisse Zeit, um das erlebte zu verarbeiten.

 

Würde ich es wieder so machen?

Bis mich Lia fragte, ob ich zu diesem Thema einen Blogbeitrag schreiben würde, habe ich mir nie so wirklich Gedanken über die Situation gemacht. Aber rückblickend muss ich sagen, dass es nicht nur wichtig für die werdende Mama ist Unterstützung und Rückhalt zu haben. Klar ist die werdende Mama unter der Geburt dem größten Stress und Schmerzen ausgesetzt, aber alleine die Hilflosigkeit, die zeitweise bei den Begleitern auftritt, weil sie dir den Schmerz nicht nehmen können, kann emotional doch sehr belastend sein. Die meisten würden dann wahrscheinlich die Zähne zusammen beißen und durchhalten, um die Gebärende nicht im Stich zu lassen. Hat man jedoch zwei Begleitpersonen dabei, hat einer auch mal die Möglichkeit, ganz ohne schlechtes Gewissen, den Kreißsaal zu verlassen und kurz abzuschalten und neue Kraft zu tanken. Aus genau diesem Grund bin ich mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich es definitiv wieder so handhaben würde.


Liebe Joy, vielen Dank für deine Geschichte.