Windelfrei

Clara und Melanie von Herzenswege



Windelfrei

 

Während Stillen und Tragen in bedürfnisorientierten Familien einen hohen Stellenwert genießt gilt Windelfrei – zu Unrecht – als Thema für Profis, vielleicht für das 2. oder 3. Kind. Spricht man mit unerfahrenen Menschen erntet man schräge Blicke, wenn das Wort „Windelfrei“ nur ausgesprochen wird und viele Eltern schreckt allein die Bezeichnung ab. Schließlich mag niemand ein vollgepinkeltes Sofa und überhaupt hat man mit einem Kind ja schon genug zu tun.

 

Tatsächlich sind Essen, Trinken und Schlafen die wichtigsten Bedürfnisse eines Kindes, danach kommt Nähe und Geborgenheit, getragen zu werden, trocken und sauber zu sein. Wir füttern unsere Kinder und schuckeln sie in den Schlaf und getragen werden sie oft.

 

Ist Windelfrei eine weitere Aufgabe auf der viel zu langen To-Do-Liste von Eltern? Ja und Nein. Im Gegensatz zu einem Kind, das verhungert, wenn es nichts zu essen bekommt geht es einem Kind, das alle Ausscheidungen in die Windel macht ziemlich gut. Aber die schmutzige Windel muss man dann doch irgendwann wechseln. Wäre es da nicht schöner, wenn zumindest das Kaka gleich im Klo landet statt irgendwo zwischen Nacken und Popofalte zu kleben? 

 

Wie kann Windelfrei auch für gestresste, überforderte und unausgeschlafene Eltern ein Gewinn sein? Die erste Vereinfachung von Windelfrei heißt: Das Kind kann und darf Windeln tragen. Windelfrei gilt als Schlagwort, die korrektere Bezeichnung für das, was wir ganz easy für unser Kind tun können, wäre Ausscheidungskommunikation. 

 

Wie funktioniert das nun mit der Ausscheidungskommunikation? Alle Säugetiere möchten sich und ihre „Wohlfühlbereiche“ nicht mit Kot und Urin beschmutzen. Auch unsere Menschenkinder haben von Geburt an das Bedürfnis, sich selbst, ihren Schlafplatz und Personen, die sie Tragen nicht zu beschmutzen. Dass kleine Babys z.B. fast immer lospinkeln, wenn man die Windel aufmacht ist kein Zufall sondern ihr Instinkt, dass sie loslassen können ohne ihre Kleidung zu bepinkeln.

 

Mit Windelfrei bzw. Ausscheidungskommunikation unterstützen wir das Bedürfnis des Kindes. Dabei geht es in keinem Fall darum, unserem Kind beizubringen, dass es für sein Geschäft das Töpfchen nutzt und sogar darauf wartet, dafür sind Babys noch zu klein. Was wir machen können ist unserem Kind eine Schüssel, ein Töpfchen oder die Toilette genau dann anzubieten, wenn es muss. Das kann man zunächst regelmäßig und „auf Verdacht“ tun, beispielsweise beim Wickeln, nach dem Schlafen oder beim Stillen. Mit der Zeit kann man außerdem durch Beobachten versuchen zu verstehen, wann das Kind mal muss. Die Signale zu sehen und zu deuten stellen sich viele Eltern sehr schwierig vor. Es benötigt sicher eine gewisse Übung für die Eltern, andererseits gibt es auch Kinder, die viel deutlicher Signalisieren als andere. Aber auch wenn wir nie irgendein Signal erkennen, können wir das Bedürfnis unseres Kindes erfüllen. Und da es Windeln trägt ist es auch kein Drama, wenn man mal ein Pipikaka nicht mitbekommt oder eben grade nicht abhalten kann. Windelfrei sollte von den Eltern nicht als Hochleistungssport mit Dauerverfügbarkeit angesehen werden. Damit das Kind merkt, dass man ihm hilft, reicht es, 2 Mal am Tag abzuhalten. Wenn man also „nur“ nach dem Nacht- und Mittagsschlaf ein Pipi abhält macht man schon Windelfrei. Gar nicht so kompliziert, oder?

 

Und was genau ist „abhalten“?

 

Im Prinzip geht es nur darum, eine möglichst ergonomische Haltung für Eltern und Kind zu finden, in der möglichst wenig dreckig wird. Für ganz kleine Babys in den ersten 2 Monaten reicht es auf dem Wickeltisch unter die geöffnete Windel ein Mulltuch zu legen und zu schauen, ob sie mal müssen. Weder Mama noch Kind sollten in dieser Zeit zu viel turnen. Kann das Kind sein Köpfchen besser halten, gibt es die angelehnte Hockposition. Dabei wird das Kind an den Oberschenkeln gehalten und mit seinem Rücken gegen den Bauch der Eltern gelehnt. Das klappt am besten über einer Schüssel oder dem Waschbecken. Möchte man das Kind über der Toilette abhalten ist es anfangs am leichtesten, sich selbst mit dem Gesicht zur Wand zu setzen und das Kind angelehnt zu halten. Im Krabbelalter finden viele Kinder gefallen am Töpfchen und wenn sie frei sitzen können, kann man auch einen Toilettenaufsatz nutzen. Auf dem Blog Windelwissen findet sich eine große Sammlung mit Bildern von

Abhaltepositionen

https://www.windelwissen.de/windelfrei-abhaltepositionen- fuer-kleine- und-grosse- kinder/

 

Zunächst: Wann fängt man an?

Falls ihr schon in der Schwangerschaft gute Vorsätze schließt fallen diese gern hinten runter, wenn Mama nach der Geburt kaum aus dem Bett hoch kommt und Papa mit Besorgungsfahrten zwischen Apotheke, Drogerie und Supermarkt beschäftigt ist – sofern er da sein kann.

Windelfrei ist kein Sprintwettbewerb, sondern eine Ausdauersportart. Und zwar eine der Sorte, bei der es unwichtig ist, ob man 4 Wochen früher oder später startet. Viele Babys pinkeln wenn sie ganz klein sind los, sobald man die Windel öffnet. In den ersten Wochen reicht es völlig, das mit „du machst Pipi“ oder einem Signallaut zu kommentieren. Ein 2 Wochen altes Baby wird sich wahrscheinlich lieber im Liegen auf dem Wickelplatz entspannen als in einer gehaltenen Position, in der es gegen die ungewohnte Schwerkraft sogar keine Chance hat. Die Verbalisierung der Ausscheidung hilft uns den Kindern später zu signalisieren, wann sie sich erleichtern können. Sinnvoll ist es, sofern möglich, in den ersten 4 Lebensmonaten des Babys mit Ausscheidungskommunikation zu beginnen. Danach verlieren Babys nach und nach das Bewusstsein für ihre Ausscheidungen. Wenn ihrem Bedürfnis, sich nicht selbst zu beschmutzen nicht nachgekommen wird, werden sie ihr Geschäft mit immer weniger vorausgehenden Signalen in die Windel machen.

 

Die Jahreszeit kann beim Beginn auch eine Rolle spielen, ein im Mai geborenes Kind kann man leichter in den ersten Monaten unten ohne lassen als ein Novemberkind. Wenn euer Kind schon größer ist, könnt ihr trotzdem Elemente aus Windelfrei nutzen. Sehr gut eignet sich das Abhalten in Standard-Situationen, beispielsweise nach dem Schlafen. Man kann beim Windel ausziehen mit dem Kind darüber sprechen ob es mal muss, man kann es abhalten oder auf das Töpfchen/die Toilette setzen und einfach sehen, wie es reagiert. Sollte das Kind zunächst Angst haben, wird es zu nichts gedrängt. Ein Töpfchen kann auch angezogen getestet werden oder man lässt das Kind im Sommer nackig und schaut, was passiert. Wenn es dann Pipi macht kann man das erklären und sagen, dass man gern versuchen möchte für das Pipi oder Kaka das Töpfchen oder die Toilette zu nutzen.

 

Wichtig sind mir, dass kein Kind unter Druck gesetzt wird und dass nicht negativ über Ausscheidungen gesprochen wird (der Klassiker: „Hast du einen Stinker gemacht?“). Sprechen wir abwertend über Ausscheidungen lernt unser Kind, dass irgendwas damit nicht stimmt. Das wird das Sauber werden nicht fördern… Was braucht man um mit Windelfrei anzufangen? Wie bei so vielen Artgerecht-Themen ist das tolle daran, dass man eigentlich nichts braucht. Man kann ein Töpfchen kaufen oder eine ganz normale Rührschüssel für den Anfang. Es gibt spezielle Asia-Töpfchen für Windelfrei mit kleinen Babys, man kann aber auch gut ohne diese zurechtkommen. Der Markt bietet viele Bekleidungsstücke die extra für windelfreie Kinder entwickelt wurden. Dazu gehören Spiltpants, die im Schritt offen sind, so dass das Baby nicht ausgezogen werden muss, wenn es mal muss. Es gibt auch viele verschiedene Backup-Systeme und Stoffwindeln, die sich schnell an- und ausziehen lassen. Wenn man erst einmal ausprobieren möchte, ob Windelfrei zu den Dingen gehört, die der eigenen Familie einen Mehrwert bringen, braucht man das alles noch nicht zu kaufen. Eine recht sinnvolle Anschaffung sind Babystulpen (im Handel heißen sie auch Babylegs).

 

Diese kann man dem Baby vom Fuß bis zum Oberschenkel anziehen und sie sorgen dafür, dass die kleinen Menschen nicht so frieren, wenn das Geschäft mal länger dauert oder sie nackig sind (-> gut für die Novemberkinder).

Alle Fragen, die sich um die Häufigkeit des Abhaltens drehen, ob man sein Kind nur drinnen oder auch draußen abhalten sollte, ob draußen im Winter auch geht und wieviele Pipis und Kakas man am Tag treffen sollte haben die gleiche Antwort. Windelfrei soll für die Familien eine Erleichterung sein und so sollten sie es auch umsetzen. Wenn es kein Problem ist, das Kind im Gebüsch vom Spielplatz abzuhalten, dann mache ich es. Wenn mich das nervt, die anderen Muttis blöd gucken und das für alle unangenehm ist, dann muss ich es nicht machen. 

 

Jedes Pipi oder Kaka, das abgehalten wird spart einmal Wickeln und/oder eine Windel. Also hilft jeder kleine Erfolg der Umwelt und erleichtert das Leben der Eltern. Alles was zusätzlich Stresst sollte man lassen. Und wenn man nur einmal am Tag mit dem Kind morgens Pipi macht ist das total super und hilft dem Kind.


Claras Erfahrung mit Windelfrei – Unser Weg der Ausscheidungskommunikation oder das Kind bekommt ein Baby

 

https://herzenswege.blog/2018/01/17/windelfrei-unser- weg-der-ausscheidungskommunikation-oder- das-kind- bekommt-ein- baby/

 

Melanies Erfahrungen mit Windelfrei – der Weg zum inneren Frieden bei völliger Hoffnungslosigkeit

https://herzenswege.blog/2018/01/14/unsere-erfahrungen- mit-windelfrei- der-weg- zum-inneren-frieden- bei-voelliger-hoffnungslosigkeit/


Liebe Clara, liebe Melanie, vielen Dank für euren Beitrag.